Vortrag Landnahme

 

Zum Inhalt:

Landnahme ist für Klaus Dörre eine Metapher für die expansive Dynamik des Kapitalismus. Der Soziologe Dörre verdeutlicht damit in sozialwissenschaftlicher Weise, dass kapitalistische Gesellschaften sich nicht aus sich selbst heraus reproduzieren können, weshalb sie auf die fortwährende Okkupation eines nichtkapitalistischen Anderen angewiesen sind.

Ohne die Inbesitznahme und ggf. die aktive Herstellung eines nichtkapitalistischen Anderen ist die Dynamisierung und Selbststabilisierung des Kapitalismus letztendlich nicht möglich, meint Dörre.

Im Sprachgebrauch von Historikern bezeichnet Landnahme die Inbesitznahme oder Besiedlung eines Territoriums durch Völker oder soziale Gruppen. In engeren, aktuell genutzten Fassungen (land-grabbing, Landraub) bezeichnet die Kategorie Praktiken des globalen Agrobusiness. Unternehmen und Staaten kaufen, teilweise gemeinsam mit privaten Investmentfonds, in großem Stil landwirtschaftliche Flächen auf, um Nahrungsmittel oder Bio-Treibstoff herzustellen. Eine Folge ist die Verdrängung kleinbäuerlicher Nutzungsformen zugunsten agro-industrieller Monokulturen. Landnahme - so Dörre - beinhaltet diese Ausprägungen, ist aber umfassender und wird von ihm als Begriff generell für die Analyse kapitalistischer Entwicklungsweisen genutzt. In diesem Sinn kann – so Dörre - Subsistenzarbeit und care work auch als „Kolonie“ verstanden werden. Damit wird ausgedrückt, dass die Expansion nicht nur territorial, sondern auch in vormals nicht- oder nur teilweise marktförmig organisierte Räume erfolgt.

Entlang von Karl Marx, Rosa Luxemburg, Karl Polanyi und David Harvey u.a.

entwickelt Klaus Dörre seinen Begriff der Landnahme. Damit lässt sich ein Verständnis für die Ausprägung unseres sozioökonomischen Systems entwickeln und die Möglichkeit der Einordnung der verschiedensten Phänomene der Gegenwart vornehmen.

Mehr dazu im Vortrag von Klaus Dörre am Dienstag, 28. April 2026, 19:30 Uhr, Gemeindesaal Ottensheim.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Klaus Dörre: emeritierter Soziologe an der Universität Jena; Dörre hat das Jenaer Zentrum für interdisziplinäre Gesellschaftsforschung initiiert und mitgegründet. Weiters ist Dörre ein Gründungsmitglied des Institut Solidarische Moderne.